Caritasverband Hochrhein e.V.
Eine Übersicht über unsere Hilfsangebote

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Vor 50 Jahren – wie alles begann

Im Blick auf das anstehende 50-jährige Jubiläum der Caritaswerkstätten Hochrhein gemeinnützige GmbH schauen wir zurück auf die Anfänge.
Was liegt da näher, als mit dem Mann zu sprechen, der den Grundstein gelegt hat und mit dem damals vor knapp 50 Jahren alles begann?
Das Interview mit Hans Schrenk führte für Sie: Corinna Baumgartner

Hans Schrenk

Herr Schrenk, ich freue mich sehr, dass Sie heute da sind und wir nun gemeinsam eine Zeitreise machen werden: Zurück ins Jahr 1968, zu den Anfängen der Caritaswerkstätten Hochrhein. Wie hat denn alles begonnen?

Über eine Stellenanzeige im Südkurier: Der Caritasverband Waldshut suchte einen Handwerksmeister, der berufsbegleitend im sozialen Bereich eine Ausbildung macht, um in Eschbach eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung aufzubauen.
Am 02.05.1968 startete mein Berufsleben bei der Caritas – zusammen mit zwei Hilfs-betreuerinnen und einer Köchin.
Zu meinem Aufgabenbereich gehörte es anfangs auch, die Menschen mit Behinderung von zuhause abzuholen und oft wieder nach Hause zu fahren. Ca. 1 Jahr lang fuhr ich also durch den östlichen Landkreis über Kadelburg, Dangstetten, Hohentengen, Grießen, Degernau, Lauchringen… Es waren lange Arbeitstage und die Fahrten waren manchmal sehr abenteuerlich: einmal flog eine Getränkeflasche quer durch den Bus, dabei ging eine Scheibe kaputt. Es gab eben noch keine Begleitpersonen auf der Fahrt…
Der Anfang war schon hart, da es einfach noch keine Struktur gab.
Was können Menschen mit Behinderung machen? Wir spielten z. B. „Mensch ärgere Dich nicht“ und gingen im Ort spazieren. Gerade das war auch wichtig, um in Eschbach sichtbar zu sein und gute Kontakte im Ort aufzubauen.
In der Anfangszeit habe ich natürlich auch andere Einrichtungen in Freiburg, Schwäbisch Gmünd und Augsburg besucht, um zu schauen, wie dort gearbeitet wird.

Wie kamen Sie an die ersten Aufträge von Firmen?

Zu Beginn gab es ganz einfache Faltarbeiten für Druckereien und Firmen. Ich habe viel Öffentlichkeitsarbeit gemacht und schon früh die Rotarier und den Lions Club eingeladen. Ich wusste, dass das viele Kontakte zu verschiedensten Firmen ermöglichen wird.
Um nach Menschen mit Behinderung zu fragen – viele wohnten ja einfach zuhause und hatten keine Beschäftigung – habe ich alle Bürgermeisterämter und Pfarrämter angeschrieben. Die Sonderschule in Detzeln gab es damals schon (Vorgänger zur Schule in Tiengen). Das war ebenfalls ein wichtiger Kontakt, um dann die Schulabgänger in die Werkstatt zu holen.
Ab 1975 änderte sich die Situation der Werkstätten. Im Vorfeld erkämpften wir über einen Arbeitskreis des Deutschen Caritasverbandes in Freiburg die Kranken- und Renten-versicherung der Menschen mit Behinderungen in Werkstätten.
1975 war es dann so weit: Werkstätten ab 120 Arbeitsplätzen wurden als Einrichtung anerkannt und die Menschen mit Behinderung waren versichert. Durch die Einführung der Versicherung sind bei der Werkstatt immer mehr Anmeldungen eingegangen. Mit der Werkstatt in Wallbach im Zusammenschluss als gemeinnützige GmbH wurden wir als Einrichtung anerkannt.

Und dann ging es auch recht schnell mit der Erweiterung der Werkstätten?

Ja. Ich war in der Zeit nicht nur Geschäftsführer der GmbH, sondern auch kommissarischer Geschäftsführer des Caritasverbandes Waldshut (davor und bis 2000 auch im Vorstand).
Dadurch hatte ich intensive Kontakte zum Landeswohlfahrtsverband (LWV) Baden und zum Sozialministerium Stuttgart. Eine neue Werkstatt mit 80 Plätzen und Erweiterungs-möglichkeit auf 120 Plätzen wurde genehmigt. Die Einweihung der Werkstatt war 1979 ein großes Fest – zu dem Zeitpunkt waren es knapp 80 Mitarbeiter und es gab sogar eine Warteliste.
Der Umzug ins Kaitle wurde von den Bürgern in Eschbach sehr bedauert. Es hat sich eine gute Beziehung entwickelt über die Jahre.

Was war damals das Ziel Ihrer Arbeit?

Es war Ziel, dass die Menschen mit Behinderung eine Beschäftigung haben, tagsüber von zuhause weg sind und vor allem mit anderen Menschen zusammen kommen.
Zu Beginn war es ganz wichtig, dass Menschen mit Behinderung Anerkennung bekamen. Eine Rückmeldung von einer Familie aus Rheinfelden war zum Beispiel, dass der Sohn sich ganz verändert hatte, seit er in die Werkstatt ging und am Ende des Monats stolz mit seinem Lohn nach Hause kam.

Wie hat sich der Bereich Wohnen entwickelt?

Im Ziegelfeld gab es schon ab 1971 ein erstes 5-Tage-Wohnheim mit 8 Bewohnern. Über das Wochenende waren sie also immer zuhause.
Bei der Einweihungsfeier im Kaitle war auch Weihbischof Gnädinger vor Ort und wollte mit mir sprechen: Er hat mir das ganze Schloss-Areal in Gurtweil angeboten, was zu der Zeit noch ein Mädchenwohnheim mit Schule war. Ich hatte nur 4 Wochen Bedenkzeit und habe mich dafür entschieden – unter der Bedingung, dass die 16 Ordensfrauen als Wohnheim-Personal zur Verfügung stehen. Der Wohnheim-Neubau wurde für 4 Vollzeit-Gruppen genutzt, das 1. und 2. OG im Schloss als 5-Tages-Wohnheim – Männer und Frauen natürlich noch getrennt. 1980 fand dann der Umzug vom Ziegelfeld nach Gurtweil statt. Zu Beginn waren es 36 Bewohner. Dabei war es mir von Anfang an wichtig, das Gelände (trotz der Mauer ringsherum) zu öffnen.
Die Räumlichkeiten der ehemaligen Schule waren für die Werkstatt vorgesehen, mit Nutzung der Turnhalle und des Schwimmbads. Die 23 Hektar Landwirtschaft wurden verpachtet. 1981 war dann die Eröffnung der Werkstatt in Gurtweil.
Die Entwicklung schritt dann schnell heran, nur um ein paar Daten aufzuführen:
1983 Erweiterung Kaitle um die Schreinerei mit 10 Personen
1985 Ausbau im Kaitle um 50 Personen
1987 Eröffnung der Werkgemeinschaft in Tiengen
1990 auf Anfrage des Deutschen Caritasverbandes Aufbauhilfe für eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung in Karlshagen (ehemalige DDR)
1991 Eröffnung der neu erbauten Werkstätte für psychisch kranke Menschen in Tiengen mit 40 Arbeitsplätzen
1992 Hauskauf in Waldshut (Beethovenstraße) und Umbau für selbstständigere Menschen mit Behinderung
1994 Werkstatt in Gurtweil um Förder- und Betreuungsbereich erweitert
1995 Haus in Waldshut (Eschbacher Straße) separates Wohnen für den Personenkreis Menschen mit psychischer Erkrankung
1996 Erste Wohnung in Tiengen vom Ambulant Betreuten Wohnen als Wohngemeinschaft mit 2 Personen
1998 Einrichtung einer Gruppe mit Tagesstruktur für vorgealterte bzw. ältere behinderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
2000 Umbau und Aufstockung des ehemaligen Personalhauses
Das war dann meine letzte Umbaumaßnahme, die ich vor meinem Ruhestand noch durchgeführt habe.

Sie haben die gesamte Entwicklung also immer an den Bedarf angepasst, den Sie gesehen haben.

Erstkommunion

Ja genau, so kann man das sagen. Mir war von Anfang an die Teilhabe der Menschen mit Behinderung am Leben in der Gesellschaft wichtig. Als ich zum Beispiel mitbekommen habe, dass einige Menschen mit Behinderung als Kind nicht zur Erstkommunion gehen durften, war für mich klar, dass ich etwas tun muss. Ich bin ja selbst auch eng mit der Kirche verbunden. Vikar Grünling und eine Erzieherin haben die Kommunionvorberei¬tung gemacht und wir haben damals in Eschbach die erste Heilige Kommunion gefeiert.
Bei der Einweihungsfeier im Kaitle 1979 durfte ich mir vom Albbrucker Bürgermeister ein Geschenk aussuchen. Ich habe mir einen Tagesausflug für die Menschen mit Behinderung gewünscht. Die Gemeinde Albbruck hat den Ausflug nach Freiburg und zum Schluchsee gezahlt. Seither besteht die Verbindung zur Gemeinde Albbruck. Und seither gibt es auch die jährlichen Raumausflüge der Werkstatt.
Der Siedlerverein Albbruck wollte etwas für die Bewohner machen – seither wird das Wohnheim zum jährlichen Siedlerfest nach Albbruck eingeladen.

Schon früh gingen Menschen mit Behinderung und Personal zusammen auf Reisen. Wann war die erste Freizeit und was war das erste Reiseziel?

1969 war die erste Urlaubsreise nach Breitnau. Der Caritasverband Freiburg hatte dort ein Ferienhaus. Die folgenden 6 Jahre fuhren wir jedes Jahr dorthin. Später kamen Reisen nach Südtirol und an andere Orte dazu.
Mitte der 80er Jahre kamen wir über eine Anzeige im Konradsblatt an das Ferienhaus „St. Franziskus“ in Todtmoos. Zunächst war es gemietet, später haben wir es gekauft und umgebaut. Die Grundidee war, dass auch Menschen mit Behinderung mal übers Wochenende dorthin fahren können und dass es auch anderen Gruppen als Unterkunft zur Verfügung gestellt werden kann.
Und noch heute fahren regelmäßig gerne Freizeitgruppen dorthin…

Wie war es damals für Sie, Personal zu finden?

Wir hatten schon früh bis zu 10 Zivildienstleistende im Bereich Werkstatt und Wohnen und Jahrespraktikantinnen. Häufig haben sie sich danach dazu entschieden, eine Ausbildung zu machen z.B. zum Arbeitserzieher oder sie gingen an die HEP-Schule. Auch mit der Dualen Hochschule in Villingen-Schwenningen wurde ein Vertrag geschlossen.
Sie haben also schon früh in Ausbildung investiert.

Sicherlich haben Sie aus Ihrer aktiven Zeit viele Geschichten zu erzählen…

Ja, da gibt es einige Geschichten… Zum Beispiel eine nette Anekdote zu Henry Ebner: Er hat immer gerne Radio gehört. Einmal lief Musik, die ihm nicht gefallen hat: „Wenn die doch nur mal eine andere Musik machen täten.“ Schwester Dietburga antwortete: „Dann musst Du es ihnen einfach mal sagen.“ Darauf Henry: „Ja Schwester, aber ich weiß doch nicht, wie ich in den Radio reinkomm‘ um es denen zu sagen!“
Oder eine Geschichte zu Luise Siebold: Sie hat immer Zeitung gelesen (obwohl sie nicht lesen konnte). Mit der Zeit hat sie nicht mehr so gut gesehen und man ist mit ihr zum Augenarzt gegangen. Wieder zuhause saß sie vor ihrer Zeitung und hat vor sich hin geschimpft Die Schwester fragte: „Ja was ist denn los?“ Darauf Luise: „Das ist doch eine Sauerei! Jetzt hab ich eine Brille und kann immer noch nicht lesen!“

Was waren rückblickend die Highlights für Sie?

Die Arbeit hat mir die ganzen Jahre sehr viel Freude gemacht. So schwer es manchmal war, man hat doch immer viel zurückbekommen.
Zu verdanken habe ich da natürlich vieles meiner Familie. Meiner Frau und Familie bin ich noch heute dankbar, dass sie so viel Verständnis hatten und mich unterstützt haben, wenn ich z.B. sonntags Elternbesuche gemacht oder Berichte geschrieben habe.
Ein erstes Highlight meiner Arbeit war der Neubau der Werkstatt im Kaitle.
Aber das Größte war natürlich, dass es die Möglichkeit gab, dieses Gelände in Gurtweil zu bekommen – und das sogar als Eigentum für die Caritaswerkstätten Hochrhein gemein¬nützige GmbH.
Für mich ganz persönlich gab es noch weitere Höhepunkte: Da möchte ich als erstes die wunderschöne Verabschiedungsfeier im Sommer 2001 nennen. Aber auch die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Band, das Ehrenzeichen in Gold vom Deutschen Caritasverband und die Medaille in Silber vom Landkreis Waldshut bedeuten mir als Würdigung meiner Arbeit viel.

Ich danke Ihnen ganz herzlich für dieses interessante Interview – mit all den Geschichten und Erfahrungen könnten Sie eigentlich mindestens ein ganzes Buch füllen! Wir freuen uns, dass Sie gemeinsam mit Ihrer Frau und uns allen im nächsten Jahr die 50 Jahre Caritaswerkstätten Hochrhein gemeinnützige GmbH feiern werden!

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